EAT THE RICH.

So hieß ein schräger, böser Film,der Ende der hedonistischen 80er Jahre in die Kinos kam. Worum es geht, ist klar: auch damals schon, um ungleich verteilten Reichtumund eine ungerechte Welt. Inzwischen taucht dieses Zitat in den sozialenMedienwieder auf. Wie konnte es dazu kommen?

Superstars(vor allem die amerikanischen, bei uns gibt es ja keine) haben jetzt auch ihrsozialesGewissenentdeckt und wollen beitragen zu dem tiefen Mitgefühlund der ehrlichen Anteilnahme, die inzwischen überall spürbar werden. Die sozialen Medien sind voll von sinnentleerten Durchhalteparolen und durchschaubarer Ranwanzerei prominenter Selbstdarsteller.

Jennifer Lopez postet aus ihrer sonnendurchfluteten Villa, Zoe Kravitz (schöne Tochter vom dollen Lenny) vom kuscheligen Fell vor prasselndem Kamin, Ellen de Generis, die ich auch für feinfühliger gehalten hätte, chattet aus der Sofalandschaftmit ihren – Zitat – berühmten Freunden und Freundinnen. Man ist sich einig, dass wir nun alle die gleichen Problemehaben. Man weiß garnicht, welcher Tag gerade ist (Katy Perry), soziale Kontaktewerden auch vermisst. Man soll aber bitte das Beste draus machen, bis es dann endlich wieder normal(?) zugeht in dieser Welt. Ganz vorne weg ist wie immer Madonna, die sich nicht nur sorgt, ob ihr gesamtes Personal gleichzeitig anwesend sein darf, sondern auch darüber philosophiert, dass der Virus der ‚großeGleichmacher‘ ist. Ungeschickterweise sitzt sie dabei in ihrer Badewanne umgeben von Rosenblättern. Solche Gedanken sind denen, die in Betten dicht an dicht auf Krankenhausfluren ausharren müssen, wohl nur wenig Trost.

Als dann noch Aufrufe kamen, man solle doch auch zu Hause bleiben, um Leben zu retten, für dieEinsatzkräfte spenden (Pharrell Williams) und gemeinsam John Lennon’s Imaginesingen, war es vorbei mit der bedingungslosenBewunderung. ‚Wir hassen Euch alle‘ kommentierte jemand und dann ging ging die Post so richtig ab. Mittlerweile gibt es den Hashtag #Guillotine2020.

Sehr rührend und liebevolläußert sich Britney Spears, von der man das vielleicht nicht erwartet hätte. Aber sie steht seit zwölf Jahren unter Vormundschaft und weiß vermutlich schon deshalb, wie es sich anfühlt, wenn Starruhmnicht gegen alles und alle wirksam ist.

Aber es wird auch ordentlich gespendet,Millionenbeträgevon Einzelnen, Rihanna, Taylor Swift, Dolly Parton, Leonardo di Caprio, Lady Gaga …..undundund. Sportvereinesind da ganz vorne weg. Wie auch bei uns in Deutzschland. Leon Goretzka und Joshua Kimmich haben bereits ganz zu Anfang ein Million gespendet, inzwischen haben sich viele angeschlossen.www.wekickcorona.com

Und unsere Prominenten? Die sitzen mit glasigen Augen und unfrisiert bei schlechter Beleuchtungzwischen fragwürdigen Einrichtungsgegenständen und erzählen Sachen und machen manchmal auch was vor. Jan Josef Liefers, Eckhard von Hirschhausen, Anna Loos und viele mehr über die man nicht soviel wissen wollte, wie einem jetzt präsentiert wird. DieQuarantäne-Sendung mit Gottschalk, Jauch und Pocher wurde schnell wieder abgesetzt. Für mich als Stylistin ist es eineGenugtuung, zu erleben, was die richtige Inszenierung leisten kann.

Ich habe in dem Zusammenhang einenWunsch: Dass, wenn es endlich wieder normal zugeht in dieser Welt (Promi-Zitat) die Trash-Formatemit unbeholfenen Darsteller*innen und uninspirierten Macher*innen verschwinden und Schauspiel, Fotografie, Regie, Drehbuch, Texte, Kamera, Maske,Stylingund Kostüm endlich wieder von Profis übernommen werden. Und ich wünsche uns natürlich vor Allem, dass wir dann keine anderen großen Sorgenmehr haben.

Eat the Richist okay, aber ein bisschen Hochglanzhaben wir uns danach doch verdient, oder?

DIE LIEBE IN DEN ZEITEN DER CHOLERA.

So heißt das wunderbare Buch von Gabriel Garcia Marquez. Es steht etwas weiter hinten im Regal, ich nehme es nach langer Zeit mal wieder heraus und und denke: Seuche ist da, Liebe auch, was macht man also draus.

Die gelbe Flagge  hissen und auf einem Dampfer, rück- und hemmungslos den Leidenschaften frönen, wie imRoman, muss im Dachgeschoss in Prenzlauer Berg reine Phantasie bleiben, auch, wenn man zwar glücklich, aber immerhin schon 34 Jahre verheiratet ist. Im Buch ist es so, dass sich die Liebenden erst nach 51 Jahren, 9 Monaten und 4 Tagen wieder begegnen, da geht es natürlich ganz anders ab.

Dabei hätte ich selbst eine schöne Cruise machen können mit meinen Vorträgen und Workshops, Mitte Mai nach Brasilien. Erstmal gecancelt, zum Glück. Ausnahmsweise bin ich mal froh, nicht zu verreisen.

Glücklicherweise sind wir kreativ, das ist ein großes Geschenk. Kreativität und Kunst werden von bösen Menschen ja immer als eine Art gesellschaftliches Accessoire betrachtet, dem entsprechend wenig ernst genommen und oft nur mit Widerstand honoriert. Tja, tough luck! Ich bin nämlich sicher, dass alle, die Freude an Musik, Lesen, Malen, Schreiben, Fotografieren, Singen und Tanzen haben, im Ausnahmezuständen wie diesen besser dran sind.

Ich habe gehört, dass momentan verstärkt Seuchenfilme gestreamt werden, Contagious und 28 Days Later werden da genannt. Das Vor-der-Glotze-abhängen finde ich aber ausgerechnet jetzt am wenigsten befriedigend. Zum Ausgleich mache ich Zumba nach einer App für Indoor-Fitness. Diese Liebe teilt der Gatte nicht, staunt aber nicht schlecht über meine akrobatischen Fähigkeiten, die ich auf’s Parkett lege. Endlich kann ich mich mal von einer weniger bekannten Seite präsentieren und laufe zur Hochform auf.

Gemeinsam lesen wir anschließend passend zur Pandemie meine Lieblingsgeschichte von Edgar Allen Poe Die Maske des Roten Todes,mit verteilten Rollen.

Ich telefoniere viel und lange mit Freundinnen und Freunden. Wir haben alle Zeit, richtig zuzuhören und ausführlich zu antworten. Man lernt so manche*n in Zeiten der Krise auch überraschend anders kennen. Aber wir haben uns offensichtlich wirklich alle lieb und so bekommt diese inflationär gebrauchte Floskel auf einmal Bedeutung.

Your ordered lifestyle is currently out of stock hat vor einigen Tagen ein Luxuskaufhaus in New York plakatiert. So sieht’s aus, denke ich und betrachte meine unlackierten Fingernägel. Kein Shopping, kein Theater, kein Kino, kein Konzert, endlich alles entschleunigt, auch die für Berührungsängste wenig bekannte Erotikmesse wurde abgeblasen.

Wir gehen auch nur noch zum Einkauf von Lebensmitteln raus und zwar jeweils abwechselnd allein, bei aller Liebe. Vor drei Tagen war ich das letzte Mal mit dem Rad in Berlin Mitte unterwegs, um zu gucken, was alles nicht zu sehen ist. Schlangenlinien fahren auf dem Bürgersteig Unter den Linden, ohne Leute zu gefährden, allein vor dem Reichstag die Wucht der Geschichte spüren, das Brandenburger Tor frontal von der Straßenmitte aus fotografieren, wie oft hatte ich mir das schon gewünscht! Der kluge Satz von Jenny Holzer fällt mir ein: Protect me from what Iwant! Mit zunehmendem Erfahrungsschatz – und Alter – erschließt sich mir der Sinn. immer besser.

Mir fällt auf, dass im Straßenbau fleißig gearbeitet wird. Gebaggert wird immer, denke ich, die Liebe in den Zeiten der Cholera hin oder her.

Bleibt gesund und macht das Beste aus dieser Erfahrung.

PARIS.

Paris ist eine Frau. Neom ein Außerirdischer. Aha. Bisher dachte ich immer, Paris wäre eine Stadt, aber was weiß man schon in Zeiten gefühlter Wahrheiten und individueller Weltbetrachtung. ‚Paris ist eine Frau‘ ist ein Buch. Und warum Neom kein Außerirdischer ist, verrate ich später.

Alors, Paris! Couture et l’amour! Bei meinem ersten Besuch war ich noch sehr jung, hatte aber bereits einen Freund mit Auto und wollte unbedingt vor Ort dem existentialistischen Zeitgeist nachspüren, der mir neu und erstrebenswert erschien, obwohl dessen Hoch-Zeit schon viele Jahre zurück lag. Aber ich war angefixt. Ich hatte Simone de Beauvoirgelesen, Jean-Paul Sartre, Albert Camus, war begeistert von den französischen Chansonnieren, alle schwarz gekleidet und mit entsprechendem Lidstrich und der megacoolen jungen Francoise Hardy. Während man in Deutschland noch knallrote Gummiboote und Betten im Kornfeld besang, klangen die Chansons doch sehr viel verheißungsvoller und hatten immer das gewisse je-ne-sais-quoi. Was natürlich auch daran gelegen haben kann, dass ich die Hälfte nicht verstand. Aber ich nahm Französisch Leistungskurs und las statt der ordinären ‚Bravo‘ das Magasin pour les Jeunes ‚Salut les Copains‘, mit DM 4,95 budgetsprengend.

Zu meinem existentialistischen Savoir-vivre gehörte natürlich das entsprechende Styling. Baskenmütze, Ringelpulli, schwarze Jeans oder enger schwarzer Rock (war das ein Kampf zu Hause), schwarze Strumpfhose und ein langer Fransenschal. Mit meinen Existentialistenbibeln (Die Mandarins von Paris, Das andere Geschlecht, Der Mensch in der Revolte, Das Sein und das Nichts), stilecht mit einem abgewetzten Gürtel zusammengebunden, ging ich in das Café am Marktplatz, las fleißig und ernsthaft, zündete mir eine Gauloises nach der anderen an und trank dazu Kaffee mit Cognac. Der wurde damals anstandslos und nach ein paar Tagen auch ohne extra Aufforderung, serviert. Immerhin war ich sechzehn und très francaise.

Endlich in Paris ging ich in alle Cafés, die ich aus meinen Büchern kannte, Le Dome, Les Deux Magots und natürlich La Coupole. Da saß mein Schwarm Roman Polanski am Nebentisch! Für einen Kaffee hat das Geld immer so gerade gereicht, Cognac war natürlich nicht drin. Es war wunderbar, merveilleux!

Und dann gab es ja noch den Montmartre, durchdrungen vom Geist der Künstler, die dort gewirkt haben, Picasso, Dali, Toulouse-Lautrec, Braque, deren pittoreskes, winziges Stammlokal Au Lapin Agile ich unbedingt besuchen wollte. Die Preise waren allerdings für arme Künstler der Neuzeit nicht mehr erschwinglich, deshalb musste ich leider draußen bleiben.

Später war ich noch ganz oft ist Paris, auch als Model auf der Pret-a-porter. Anstrengend! In Deutschland hielt man sich auch auf Modemessen an zivile Arbeitszeiten, très different à Paris. Da dauerte die Messe bis mindestens 21.00 Uhr, danach umständlich mit diversen Metros in die Rue d’Aboukir No 9, wo ich in den Verkaufsräumen meiner deutschen Modefirma wohnte. Immerhin wurde man jeden Abend sehr exklusiv zum Diner eingeladen, alles mit avec, also Champagner und Edelfischplatten. Wir waren im Trocadero, im Alcazar, ich glaube, diese Cabarets gibt es gar nicht mehr. Am Nebentisch saß mein Schwarm Michel Polnareff! Auf der Düsseldorfer Modemesse wurden zu der Zeit noch selbstgemachte Schmalzknifften angeboten und einmal hatten wir  Tony Marschall am Messestand.

Meiner Modefirma hätte der Abstecher nach Paris allerdings fast den den Hals gebrochen. Die Franzosen brauchten keine Konkurrenz aus Deutschland, sie haben uns den Strom abgedreht und waren auch sonst zu jeder Ungefälligkeit bereit. Die Kollektion war extra auf den französischen Markt abgestimmt worden, wurde dort aber très blasé ignoriert, während die deutschen Stammkunden die kapriziösen Styles auch nicht goutierten.

Ich hatte später In Paris noch einige Foto-Shootings, man wurde stundenweise gebucht und nicht, wie von zu Hause gewohnt, halbe oder ganze Tage. Dafür war die Bezahlung schlechter.  Nach meiner Modelkarriere war ich ein paar Mal als Stylistin dort. Ich war als einzige immer pünktlich, damit machte man sich in Paris allerdings keine Freunde und ich kam mir auch immer mega spießig vor.

Anfang der 80er war ich mit einem marokkanischen Freund, der in Paris im diplomatischen Dienst war, ein paar Tage im feinen Hotel Plaza Athenée und habe von dort aus vergeblich versucht, mit einem Opernglas in die Wohnung von Marlene Dietrich zu gucken. Die wohnte, wie tout le monde wusste, direkt gegenüber. Aber eines Nachmittags saß sie zurückgelehnt in einem Fauteuil in der Lobby des Hotels, hatte ihre immer noch schönen langen Beine auffallend weit in den Gang gestreckt und ihr Gesicht unten einem großen Hut verborgen. Alle wussten Bescheid, c’est elle und waren voller Ehrfurcht, ich paralysiert vor Begeisterung. Toujours soucieux de leur style, immer stilbewusst.

Mein letztes drolliges Paris-Erlebnis liegt schon mehrere Jahre zurück. Ich entdeckte ein Kleid in meinem Münchner Lieblingsladen, weiß, von Alaya und wie für mich gemacht. Natürlich seeeehr teuer, deshalb habe ich auch brav, vernünftig, aber schweren Herzens auf den Kauf verzichtet. Nachts träumte ich, eine mir unbekannte Frau hätte dieses Kleid gekauft und wäre damit triumphierend und glückselig nach Paris gefahren. Der totale Alptraum! Das Kleid musste also her und vor der fremden Frau gerettet werden. Mein verständnisvoller Gatte hat mich glücklicherweise dabei unterstützt. Muss ich erwähnen, dass wir kurz darauf, zu unserem. Hochzeitstag, nach Paris gefahren sind? Es gibt ein sehr schönes Foto von mir in diesem Kleid auf der Place Vendome. Ich sehe sehr französisch aus.

Paris, das kam mir immer so groß und geheimnisvoll vor. Diese Wahrnehmung  hat sich allerdings mit der  Zeit komplett geändert. Die alten europäischen Städte, besonders Paris und London, über viele Jahrhunderte gewachsen, kommen einem mittlerweile sehr überschaubar und geradezu gemütlich vor, also die Innenstädte, das ganze neue Drumherum wird üblicherweise nicht besucht. Altmodisch, eigentlich für heute Zeiten komplett unbrauchbar, ein bisschen Disneyland. Und alles ist klein, die Straßen, die Türen, die Stühle, die Tische, die Toiletten. Dabei war Paris um 1900 die drittgrößte Stadt der Welt, London die größte. Jetzt sind nur noch Menschen und Autos groß.

Danach sind andere Städte zu Molochs herangewachsen. In New York war ich oft, also in Manhattan und Brooklyn, da habe mich immer sehr wohl und gut aufgehoben gefühlt. Das liegt wahrscheinlich an den vielen amerikanischen Filmen, mit denen man aufgewachsen ist und mit denen man viel Romantik verbindet. Andere Riesenstädte die ich besucht habe, Kairo, Jakarta, Singapore, Hongkong, Mumbai, Delhi, Buenos Aires, Los Angeles wirken da schon sehr viel unbehauster.

Heute gibt es Mega-Städte wie Chongqing in China oder Lucknow in Indien, in Saudi-Arabien ist Neom geplant, so groß wie 37 Singapores. Voll ökologisch, klimaneutral, den Arbeits- und Freizeitbedürfnissen der Zeit und des modernen Menschen angepasst. Manchmal gibt es Reportagen über diese neuen Städte, man kennt sie nicht,  Computerentwürfe -zack- schnell aufgebaut, inklusive Flughafen. Irgendwie wirken sie wie aus dem 3-D-Drucker, futuristisch, glatte Benutzeroberflächen, schon fit für die Besiedelung extraterrestrischer Planeten.

E voilà! Damit verglichen ist Paris wahrscheinlich wirklich eine Frau. Demnächst bin ich wieder da und werde mich selbst überzeugen.

STIL-IKONEN.

Die gibt’s nicht mehr. Ich frag trotzdem jedes Mal nach, wenn ich Style-Workshops gebe. Den Älteren fallen dann immer Audrey Hepburn, Jackie Onassis und Grace Kelly ein. Feine Wesen, perfekt proportioniert, clean und unnahbar, nach viel Spaß sahen die nicht aus. Aber sehr schön!

Die Ära der klassischen Vorbilder wurde in den 50ern von so genannten Busenwundern und Sexbomben abgelöst, ganz vorne weg Marilyn Monroe, Jane Russel und Jayne Mansfield. Die sahen zwar nach Spaß aus, stilistische Vorbilder waren sie aber eher nicht. Aufmerksamkeit erregten sie vor allem durch abenteuerliche BH-Konstruktionen.

Dann kam der Bruch: Twiggy, androgyn und klapperdünn, BH unnötig. Da wurde ich aufmerksam! So wollte ich auch sein! Äußerlich konnte ich mit ihrer feenhaften Erscheinung. leider nicht mithalten. Immerhin ließ sich das markante Augen-Make-up nachmachen: zwei Lagen falsche Wimpern, Lidstrich, die schwierig aufzumalende ‚Banane‘ in der Lidfalte. Ganz besonders exotisch war der ‚Gartenzaun‘ am Unterlid: senkrechte Striche lang-kurz-lang-kurz usw. Aus der Bravo konnte man sich ein Papierkleid ausschneiden und fertig war das Styling. Frisuren waren verboten.

Was kam danach? Hippie-Ikonen wie Uschi Obermaier und Janis Joplin. Dann erneut ein Bruch: Supermodels, durch nichts zu toppen. Herausragend: Kate Moss. Sie war zwar klein und wenig glamourös, wurde aber als absolut authentisch wahrgenommen.

Eine Klasse für sich war Madonna, das Material Girl. Auch sie trug auch einen auffälligen BH, von Jean-Paul Gaultier, raketenartig und gefährlich sah der aus, spaßig wohl nur für die Unerschrockenen einer ganz neuen Generation.

Daneben gab es die Armee der It-Girls: Paris Hilton, Ariane Sommer, Verona – damals – Feldbusch….. Von denen ist aber so garnichts hängen geblieben, außer Blingbling und Arroganz bzw. alberne Sprüche und irgendwelche High-Heels und übergroße Handtaschen, die It-Bags.

Mittlerweile geben Influenzerinnen den Ton an, mit enormer Fangemeinde. Manche  haben eigene Mode-Kollektionen und Shops. Es geht dabei aber weniger um kreative Glanzleistungen und auch nicht um reine Schönheit. Die Faszination liegt eher auf dem Phänomen Digitiale Business Ikone. Wie man hört, schwindet Einfluss der Influenzerinnen inzwischen aber schon wieder.

Die Zeit ist nicht nur schnell sondern auch zynisch: Wenn man ‚best dressed‘ googelt, kommt als erstes ein Hinweis auf Modepannen.

Ikonen gibt es immer, heute gehört aber mehr dazu als perfektes Aussehenund eine scharfe Klamotte. Emma Watson und Cara Delevingne fallen mir da ein: umweltbewusst, eigenständig und garantiert neben dem Mainstream.

Vorbilder für Rebellinen, wie sie jede Generation hervorbringt und die sich nicht einnorden lassen wollen, gibt es auch. Der Style: post-male-gaze. Es geht umOutfits, die garantiert keine Lock- und Botenstoffe an potentielle männliche Interessenten aussenden. So kann man zum Beispiel nicht mit Sicherheit sagen, ob BH’s zum Einsatz kommen. Überhaupt ist die Geschlechterzuordnung fließend. Markante Vertreterin: Billie Eilish, die phantastische, sehr junge Sängerin.

Wer schon etwas länger jung ist, kann Iris Apfel nacheifern, die ist 98, trägt eine runde, dicke Brille, ist sehr cool und Supermodel.

Erkenntnisgewinn: Alle Vorbilder spiegeln den jeweiligen Zeitgeist. Sie stehen damit übergeordnet für gesellschaftliche Entwicklungen. Deshalb ist Widerstand und Herumgenöle über vermeintliche modische Beklopptheiten zwecklos. Im Zweifelsfall zitiere ich aber gern noch mal meine Lieblingsthese: In einer Welt von Kim Kardashians, sei eine Jackie Onassis.

IM GRÜNEN BEREICH.

Daggystyle im Selbstversuch! Wie ‚grün‘sind meine Klamotten? Schrankcheck! Eigentlich müsste das meiste nachhaltigund umweltverträglich sein. Immerhin habe ich seit der ersten Latzhose qualitätsbewusst eingekauft. Fast Fashionwar sowieso nie mein Ding, wenn auch anfangs weniger aus Gutmenschentum, sondern weil das Shoppen in den Billigketten total nervt und alle dasselbe verkaufen.

(Für erwachsene Frauen ist die Mode dort sowieso ungeeignet. Niemand jenseits der Dreißig hat einfach nur Größe S, M oder L, sondern individuelle Proportionen, da braucht es Abnäher, verschiedene Längen, Breiten, Kragenlösungen und Materialien. Aber das ist ein anderes Thema.)

Allerdings bin ich Schnäppchenjägerin bei TK Maxx, Stichwort: Gold Label. Da ist die Einkaufsatmosphäre zwar auch unter aller Kanone, aber immerhin kommen die angebotenen Klamotten aus Überproduktion oder Insolvenzen und sind damit zumindest nachhaltig.

Ganz, ganz schlecht: für meine Stylingjobs kaufe ich seit Jahren Tonnen von Klamotten bei Billiganbietern. Spaß macht das nicht, aber kein Auftraggeber bezahlt tagelanges Recherchieren und Organisieren und schon gar keine höheren Preise für Outfits, wenn alles schnell und billig zu haben ist. Außerdem sehen Profi-Models in diesen Fummeln sowieso teuer aus. Anyway, not good!

Aber es kommt noch schlimmer: ich habe für eine TV-Reportage wohlwollend die Heidi-Klum-Kollektion besprochen, die sie für einen Discounter entworfen hat. Dabei waren die Teile der reinste Schrott. Shame on Heidi and on me! Sie hätte mit all ihrem Einfluss und Geld mit einer Green-Fashion-Kollektion durchaus ein Zeichen für nachhaltige Mode setzen können – und ich mal auf den Job verzichten sollen.

Auch nicht wirklich vorbildlich: ich besitze ziemlich viele Outfits, manche immerhin seit mehr als zwanzig Jahren. Ich ziehe auch alles an, weggeschmissen habe ich noch nie was. Das ist wieder gut. Es sind, surprise, die guten Markenklamotten, die halten was aus und sind entweder so klassisch oder außergewöhnlich, dass sie immer cool sind und bleiben.

Materialien, check, die meisten natürlich, aber nichts recycelt. Aber: da sind Jeans aus Mischgewebe, Baumwolle mit Stretchmaterial. Das lässt sich nicht trennen und ist deshalb schlecht. Apropros Jeans: die verschiedenen Waschungen und die Bearbeitung – stressed, stonewashed – ist extrem umweltbelastend ist. Sehr schlecht. Andererseits werden Jeans selten weggeworfen, sondern meist second hand verkauft.  Also vorbildlich!

Eine weitere gute, wenn auch für mich persönlich bedauerliche Nachricht: Klamotten sind kein Statussymbol. mehr, genauso wenig wie Autofahren, Rauchen und Fernreisen. Also so ziemlich alles, was für mich mal eine höhere Kulturstufe bedeutet hat.

Selbstoptimierung und nachhaltige Lebensweise sind cool und zeitgemäß und ich habe ein bisschen Angst, dass der Spaß auf der Strecke bleibt. Eleganz und Schönheit sind Begriffe aus dem letzten Jahrtausend, heute muss Bekleidung was leisten, genau wie die TrägerInnen.

Ich hab letztens einen Film gesehen, Titel vergessen, in dem eine russische Spionin aus der Zeit des Kalten Krieges komplett mit Pelzmantel und -mütze in eine Großstadt von heute gebeamt wurde. Zwischen all den Menschen in Stepp- und Thermojacken wirkte sie wie eine elegante Raubkatze unter formlosen Weichtieren. (Immerhin hatten diejenigen, die auf E-Scootern unterwegs waren, eine perfekte Körperhaltung.) Auf jeden Fall kommt man ins Grübeln, aber man darf daraus nichts ableiten. Ich habe keine Thermojacke, besitze allerdings zwei ältere Lammfellmäntel, von denen ich mich auf keinen Fall trennen werde. Glücklicherweise sehen sie nach Kunstfell aus!

Also, Schrank zu! Ich glaube, grüner wird’s nicht!

70ER – VOLL DRAUF!

Mode zwischen Blumenkind und Disco-Queen. Dieses Fashion-Revival dauert inzwischen gefühlt länger als die original 70er. Der Trend begann mit knöchelfreien rib-cage  Jeans (früher Hochwasserhosen),  kombiniert mit schlichten  T-Shirts und Sneakers (früher Turnschuhe) und sieht – Überraschung – an jungen, schlanken Mädchen super aus.  Manche verzichten dabei komplett auf Make-up und tragen die Haare natürlich, mit Pony,  ganz andere bevorzugen braun geschminkte Haut, fake Lashes (früher falsche Wimpern), Shisha-Bars (früher dicke Augenbrauen) und Extensions (früher Haarteile) für die Wallewalle-Einheitsmähne.

Alles wieder da, das ganze Programm: Schluppenblusen – und bestickte Folklore-Oberteile, wadenlange, taillierte Rüschenkleider, doppelreihige  Blazer, Rippenpullis, Rollis, Jumpsuits, (früher Overalls), Hosenanzüge, weitschaftige Stiefel, gerne in weiß, Brikettsandalen (früher Clogs) , Plateauschuhe, runde Absätze.  Außerdem Häkel-Look, Knautschlack,  Cord, Wildleder, Teddy (früher Pelz), Satin in Knallfarben, Riesen-Sonnenbrillen, lange Ohrringe und Loops (früher Creolen), Trompeten-  und  Keulenärmel. Mama mia!

Viel eigenständige Kreativität braucht man für diesen Trend nicht, es reicht, ein paar TV-Serien aus den 70er zu streamen (früher fernsehen),  am besten die mit Farrah Fawcett (Drei Engel für Charlie). Sobald sich Schulterpolster ins Bild schieben, ist man im falschen Jahrzehnt, nämlich in den 80ern, wahrscheinlich bei Krystle Carrington in Denver.

Auf jeden Fall ist der ganze Style ein Riesenspaß, außer man hat das alles schon in Echtzeit mitgemacht. Das ist nämlich genau das Problem: möglicherweise sieht man im 70er Look super-spießig statt mega-stylish aus  Cool ist das alles nämlich nicht, auch wenn die Designer und Modeketten das wie bei jedem Trend behaupten. Es passt aber in unsere prüde Zeit.

Wer unbedingt noch mal die Rockerbraut geben will: Cowboyboots, ausgewaschene Jeans, T-Shirt mit Wolfsmotiv und Ethno- (früher Indianer-) schmuck sind auch hip. Dazu passen wieder die Wallehaare.

Mir gefallen die Klassiker aus den 70ern:  weite Hosen, ein langer Trench, Rolli, Paisleyschal, Stiefel, breitkrempiger Hut in beige-braun-gelb-orange Kombination für die warmen Frühlings- und Herbsttypen und in blau-türkis-grün-grau-weiß  für die kühlen Sommer- und Wintertypen.

Ich glaub, ich mach doch noch mal mit!

 

 

 

 

 

ES GIBT NUR EINEN TREND.

Es hat sich was getan auf der Fashionweek! Der Fokus hat sich verschoben: weg von Must-Haves und Signature-Pieces zu Nachhaltigkeit, Upcycling und Wertschätzung.

Dass die Modeindustrie zu den größten Umweltverschmutzern gehört, ist so bekannt wie untragbar, deshalb gibt es Green Fashion bereits seit Jahren mit eigenen Veranstaltungen. Leider war es bei allem guten Willen meistens nur so, dass freud- und farblose Models in Outfits, die man nur mit viel gutem Willen als äußerst basisorientiert beschreiben kann über die Laufstege glitten.

Aber, ohne Lust und Launefunktioniert die Mode nicht. Jetzt ist der Spaß zurück und zwar mit gutem Gewissen. DesignerInnen achten drauf, dass bei der Klamottenproduktion weder Mensch noch Umwelt ausgebeutet werden.

Zu den neuen Fashion-Statements gehört vor allem, den ungebremstem Konsumwahn einzudämmen. Qualität statt Quantität ist der Übertrend. Sogar die Promis auf dem Roten Teppich versichern der Presse in ihren geliehenen Designeroutfits politisch korrekt, dass sie quasi überhaupt keine Mode mehr kaufen und wenn, dann dann nur 2ndHand. Da kann man zwar mit den Augen rollen, aber solche Aussagen haben großen Einfluss.

Wieviel Kreativitätjetzt freigesetzt wurde, sah man vor allem bei den Shows von NEONYT und RODAN. Mix and Match ist zwar schon länger ein Thema, aber dieses Mal wurden alte Teile neu zusammengesetzt. MaterialienFarben, Styles, alles sehr phantasievoll präsentiert. Zur Nachahmung empfohlen, aber bitte nicht nur ans Mixen, sondern auch ans Matchen denken, erst dann wird’s zum Style.

Und noch eine schöner Trend war zu beobachten. Die Modewelt hat schon immer Diversität wiedergespiegelt. Verschiedene Ethnien und sexuelle Ausprägungen wurden begrüßt und waren Inspiration. Schönheit spielte übrigens nie eine überragende Rolle. (Hauptsache man war groß, jung, schlank und hatte Ausstrahlung.)

Eine Show allein mit Supermodels ist mittlerweile uncool. Deshalb lief in letzter Zeit als AlibiVeranstaltungimmer eine (!) sehr schlanke, sehr große, supercoole Frau im Rentenalter mit sehr kurzem oder sehr lang wallenden, aber unbedingt grauen Haar mit. Auch blockierte regelmäßig ein Model in Größe 46 die Sichtachse, mit perfekten Proportionen und ausgesprochen sinnlichem Gesicht und – Überraschung– gaaaanz dicken, langen Haaren. Diese beiden Ausnahmefrauenwurden dann immer besonders beklatscht, sehr unfair gegenüber den anderen Models. Die sogenannten Durchschnittsfrauen haben sie natürlich nicht repräsentiert.

Endlich laufen jetzt Models über die Laufstege, die nicht unbedingt Gardemaß und komplett ausgewogene Proportionen haben, aber etwas mehr von dieser Welt sind und trotzdem gut anzusehen. Die Fashion Hall zeigte JungdesignerInnen aus bisher als modefern wahrgenommen Ländern wie Kasachstan, Albanien oder Mexiko. Deren Mode ist deutlich ethnisch inspiriert, exotische Farbenpracht und orientalische Verspieltheit inklusive – und statt düster dräuendem Techno oder aufgedonnerter Klassik gab es auch mal andere Musik zur Show. Klasse!

Die Marke RODAN, Berliner Größe und als Leder– und Pelzdesigner lange etabliert, ist dabei als besonders sympathisch und kreativ aufgefallen. Das mindestens 80jährige Paar, das in Lackschuhen und recycelten Pelzmänteln am Rollator Arm in Arm über den Catwalk ging, hat alle Herzen erobert.

In diesem Sinne, habt Spaß. an Mode und Style und bleibt achtsam. Es lohnt sich!